Kletterschuhe

Klettern ist nicht gleich Klettern. Es gibt so viele verschiedene Disziplinen wie Schuhe und Füsse. Kein Wunder, dass vielseitige Felsfreunde oft mehrere Paar Kletterschuhe im Materialschrank liegen haben. Denn jede Disziplin stellt andere Anforderungen an Präzision, Robustheit, Bequemlichkeit und Anziehkomfort. Der optimal gewählte Schuh kann Freude und Erfolgswahrscheinlichkeit wesentlich steigern.

Extremes Sportklettern

Vom persönlichen Projekt bis Action Directe (9a) oder Realization (9a+)
Beim Erweitern der persönlichen Leistungsgrenze, besonders in den höchsten Graden, muss die Bequemlichkeit zurücktreten zugunsten optimaler Präzision. Winzige Strukturen können nur dann perfekt zur Kraftübertragung und Gewichtsentlastung genutzt werden, wenn der Schuh nicht nur wie die Haut sitzt, sondern aus dem Fuss ein neu optimiertes Greifwerkzeug macht. Features wie asymmetrische Form, Vorspannung und Hook-Gummis helfen dabei.

Sportklettern

z.B. Arco (I), Frankenjura (D),Orpierre (Südfrankreich)
Für Einseillängenrouten in Klettergärten ist ebenfalls die Präzision wichtiger als Langzeit-Tragekomfort. Zum sicheren Stehen muss sich der Schuh eng an den Fuss anpassen lassen und kantenstabil sein. Da er meistens nur für eine Tour angezogen wird, ist ein komfortabler und schneller Ein- und Ausstieg sehr zu schätzen.

Bouldern

z.B. Fontainebleau (F), Hueco Tanks (USA), Cresciano (CH), Rocklands (ZA)
Wo es auf millimetergenaue Trittpräzision und Körperbelastung ankommt, um ein Boulderproblem zu lösen, muss der Schuh exakt passen. Asymmetrische Leisten mit starker Wölbung bringen viel Druck auf die Zehen, stabile Kanten und Hook-Gummis erlauben die Nutzung kleinster Details. Für die kurze Kletterzeit kann auch ein enger Schuh ertragen werden, rascher Ein- und Ausstieg sind wünschenswert.

Indoor-Klettern

z.B. Gaswerk (Zürich), Thalkirchen (München), The Foundry (Sheffield)
Wer die Schuhe nur für einzelne Routen anzieht, legt Wert auf schnell zu bedienende Verschlusssysteme und trägt seinen Schuh so eng, dass er ein gutes Trittgefühl bietet. Wegen der rauen Oberfläche und den meist grossen, aufgeschraubten Tritten sind stabile Kanten und extrem enger Sitz jedoch nur in schweren Wettkampfwänden nötig. Wichtig sind vor allem gute Hookfeatures für die oft trickreichen Turnbewegungen. Der Verschleiss ist in der Halle, besonders bei unpräzisem Antreten, meist bedeutend grösser als beim Klettern an Naturfelsen.

Plaisirklettern

z.B. Col de Pillon, Grimselseen, Brüggler
Bei der durch Jürg von Känel bekannt gemachten Kletterform steht die Freude am Klettern im Vordergrund: alpine Mehrseillängenrouten mit möglichst perfekter Absicherung in gemässigten Graden (bis etwa 6b). Dabei sind vor allem bequeme Schuhe wichtig, die durch ein solides Schnürsystem auch auf schwitzenden Füssen sicher halten; Zwischensohlen reduzieren die Ermüdung der Fussmuskulatur.

Alpines Sportklettern

z.B. Wendenstöcke (CH), Verdon (F), Untersberg (D)
In Mehrseillängenrouten an die Leistungsgrenze gehen, das erlaubt die moderne Absicherung mit Bohrhaken. Für höchste Schwierigkeiten sind wie beim normalen Sportklettern eng geschnittene, kantenstabile Schuhe wichtig. Deshalb zieht mancher alpine Sportkletterer seine Schuhe an jedem Stand aus – ein flottes Verschlusssystem und ein Aufhänger sind dann nützlich. Wer sich das sparen möchte, muss Abstriche an der Präzision machen oder Fussschmerzen akzeptieren.

Alpines Klettern

z.B. Dolomiten, Chamonix-Klassiker, Scheideggwetterhorn
Für lange, teilweise selbst abzusichernde Klassiker braucht man Schuhe, die den ganzen Tag bequem, aber dank guter Schnürung solide am Fuss sitzen. Eine Zwischensohle unterstützt die Fussmuskulatur, stabiles Obermaterial sichert dem Schuh eine lange Lebensdauer auch in Rissen und Kaminen.

Bigwallklettern

z.B. Yosemite, Val di Mello, Baffin Island
Bigwallklettern spielt sich meist im Granit ab, Rissklettern und Leiterstehen gehören dazu. Nur ein robuster, abriebbeständiger Schuh überlebt solche Torturen, die Füsse wünschen sich eine bequeme Passform und stabilen Halt durch eine solide Schnürung. Profis verwenden für reine Aid-Touren Trekkingschuhe zum kraftsparenden Stehen; mischt sich Freikletterei dazwischen, wird man aber einen normalen Kletterschuh vorziehen, möglichst mit fester Zwischensohle.